Konzept "Unerzogen" - was steckt dahinter?

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In den Medien stieß ich immer wieder auf das Thema, ein neues Konzept im Umgang mit Kindern zu leben und Kinder nicht zu erziehen.

Was ist Erziehung überhaupt?

Laut Wikipedia: „Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozess als auch das Resultat dieser Einflussnahme.“ Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka definiert Erziehung als „Handlungen [...], durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten.“ ……Erziehung wird von Erziehungsnormen geleitet. Sie erfolgt im Rahmen von Erziehungskonzepten, die auf Erziehungsziele ausgerichtet sind und greift auf Erziehungsmittel und Erziehungsmethoden zu.“

Die Erziehungsnormen verändern sich mit der Gesellschaft. Denken wir an die autoritäre Erziehung oder auch das Gegenstück, die antiautoritäre Erziehung, welche phasenweise häufig diskutiert wurden und eine Art Trend darstellten. Kulturelle und auch politische Einflüsse, aber auch das Wissen zur kindlichen Entwicklung prägen den Umgang mit Kindern.

Was steckt hinter dem Konzept „Unerzogen“?

Über die Social-Media-Kanäle stieß ich zuallererst auf einen Beitrag über eine Familie, die auf Gegenwehr anderer Menschen traf. Es wurden laut unterschiedlicher Medienberichte Jugendamt und Polizei informiert und Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung erstattet. Ein Vater mit einem in Decken gehüllten nackten Dreijährigen veranlassten besorgte Fahrgäste dazu. 

Gut, dass die Menschen aufmerksam sind! Das war mein erster Gedanke beim Lesen. Mein zweiter Gedanke: Als Eltern sind wir in der Pflicht, unseren Kindern gesellschaftliche Normen zu vermitteln und sie vor gesundheitlichem Schaden zu bewahren. Dann sprach ich mit vielen Freunden und mit meiner Familie über diesen Beitrag und beschloss, einen Artikel zu diesem Thema zu verfassen. Ich begann mit weiteren Recherchen und fand zahlreiche Beiträge, Blogs und Communities. Im Vordergrund des Konzeptes Unerzogen geht es in erster Linie um Achtsamkeit im Umgang mit Kindern, das Erkennen von Bedürfnissen und respektvollen, bedürfnisorientierten Umgang mit „den kleinen Menschen“. Beziehung statt Erziehung lautet die Devise, Förderung der Selbstbestimmung und Stärkung des Selbstbewusstseins.

Ohne Grenzen zu setzen?

Ein dreijähriges Kind spielt mit dem Handy vom Vater, der es sucht, weil er demnächst die Wohnung verlässt. Er belässt es dabei und geht ohne Handy aus dem Haus. 

In dieser Situation frage ich mich, wozu ein Dreijähriger das väterliche Handy benötigt? Ist es tatsächlich sinnvoll, hier nicht einzuschreiten? Wie werden die Kinder dann in der Zukunft in Gruppen mit anderen Kindern umgehen?
Kinder lernen viel auf der Grundlage der Nachahmung von ihren Eltern. Sie beobachten und übernehmen Verhaltensweisen und Tätigkeiten. Ein liebevoller Umgang macht die Kinder stark und wird sie sicher auch empathisch handeln lassen.

Alltagstauglichkeit

Die Welt außerhalb der Familie sieht anders aus. Wenn der Bus kommt, müssen wir einsteigen, da der Fahrplan keine Wartezeit nach den Bedürfnissen des Kindes einplant und auch die Arbeitsstelle der Eltern keine Rücksicht auf Verspätung aus diesen Gründen nimmt. Kindergärten und Schulen sind weit entfernt von Bedürfnisorientierung und übernehmen einen Großteil erzieherischer Arbeit. Es gibt Alternativen, wie z. B. Montessori oder Waldorf und mittlerweile auch freie Schulen, die neue Ansätze bieten, aber die Plätze sind begrenzt, häufig der Weg zu weit, um in den Alltag integriert werden zu können oder es sind Kosten zu tragen, die sich nicht jede Familie leisten kann.

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Im Internet fand ich eine Antwort zur weiteren Umsetzung. Unschooling oder Freilernen schließt sich häufig an. Die Kinder besuchen keinen Kindergarten und auch keine Schule, sie lernen von ihren Eltern, ihren Erfahrungen, dem Erleben und ganz individuell nach ihren Interessen.
Einige Familien steigen komplett aus und reisen durch die Welt, ohne festen Wohnsitz.
Unser Kinderbetreuungssystem und auch das Schulsystem ist nicht optimal, aber wir leben in einer Art Wissensgesellschaft, in der nicht nur Talent, Begabung und Interessen zählen. Es werden Zertifikate benötigt, Nachweise über erworbenes Wissen, Fähigkeiten usw.

Mein Fazit

Eine von Vertrauen, Liebe und Respekt geprägte Bindung zwischen Eltern und Kindern ist das Fundament für ein gesundes, glückliches Leben. Diese Bindung macht Eltern und Kinder stark und sollte daher von Beginn an unterstützt, gefördert und ermöglicht werden an. Die Individualität der Eltern-Kind-Beziehung sollte respektiert werden!

So würde ich mir wünschen, dass Mütter/Eltern ihre Kinder nicht schon mit einem Jahr oder früher in die Fremdbetreuung geben müssen, um ihren Arbeitsplatz zu sichern oder auch ihren Lebensunterhalt. Es sollte den Familien vereinfacht werden, die Berufstätigkeit und das Familienleben miteinander zu verbinden. Ich habe den Eindruck, dass mit Unerzogen und Unschooling auf eben diese Defizite aufmerksam gemacht wird. Grundsätzlich finde ich den intuitiven, auf Beziehung ausgerichteten Umgang mit den Kindern sehr wegweisend und gut. Wenn die Bindung und Beziehung zwischen Eltern und Kindern stimmt, dann können auch liebevolle Konsequenz und Grenzen-setzen den Kindern keinen seelischen Schaden zufügen. Auch im weiteren Leben können diese Kinder gesunde Beziehungen eingehen und anderen Menschen respektvoll begegnen.

Wie sieht es mit den überzogenen Varianten aus?

Was antworten Eltern ihrer 20-jährigen (unschooling) Tochter, die für sich ein interessantes Studienfach entdeckt, aber aufgrund des fehlenden Abiturs keinen Hochschulzugang erhält? Wie wird ein kleines Kind es erleben, wenn es plötzlich Dinge an Personen (außerhalb der Familie) zurückgeben muss, obwohl es ein anderes Bedürfnis hat?

Welchen Erziehungsstil wählt Ihr für Eure Kinder?

Ich bin sehr gespannt auf Eure Kommentare und Ideen!

Eure Nancy

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