Schwangerschaft und Geburt

Interview mit Hebamme Jana Friedrich

Liebe Jana, Du bist seit vielen Jahren als Hebamme tätig und begegnest vielen werdenden Eltern und begleitest sie in einer sehr bedeutenden Situation, der Geburt ihres Kindes. Welche Ängste, Sorgen und Erwartungen bringen die werdenden Mütter oder Eltern mit?


Jana F.: „Manche Frauen haben Angst, Angst vor dem Kontrollverlust, Angst vor Verletzungen oder Angst, dem Kind könnte etwas zustoßen. Andere äußern eine gewisse Anspannung, wie vor einer Prüfung. Es gibt aber auch Frauen, oder Paare, die das Thema Geburt auf sich zukommen lassen.
Auch die Väter bringen oft Ängste und Vorurteile mit. Nach den Geburtsvorbereitungskursen fühlen sie sich stärker, vertrauensvoller und wissen um ihre Aufgaben bei der Geburt. Sie wissen dann, wie sie ihren Frauen eine hilfreiche Stütze sein können und sind dann oft maßgeblich an einem guten Verlauf beteiligt. Partner, die keine Informationen zum möglichen Verlauf einer Geburt haben, reagieren dem Klinikpersonal gegenüber manchmal eher aggressiv. Sie wollen ihre Frau vor den Schmerzen beschützen und haben Angst, es könnte ihr etwas geschehen. Oft trauen sie ihr die Geburt nicht zu.“


Wie wichtig ist es Deiner Erfahrung nach, die Geburtsklinik in Anbindung an eine Kinderklinik zu wählen?


Jana F: „Wenn im Vorfeld keine Risiken bekannt sind, ist es nicht notwendig unbedingt in einem Perinatalzentrum zu entbinden, da jede Geburtsklinik eine Notfalllösung parat hält, die zeitnah sehr gut funktioniert.“


Hat sich im Laufe Deiner Hebammentätigkeit viel verändert in Bezug auf die Geburtsplanung seitens der Schwangeren?


Jana F: „Frauen haben heute viel mehr Fragen und machen sich mehr Gedanken - früher schienen sie unbelasteter. Die Schwangeren lesen viel und informieren sich stärker. Das ist gut, aber je nachdem wo sie das tun, kann es mehr schaden als nützen und zu Verunsicherungen führen. Auch im Wochenbett zeigt sich eine Veränderung. Wo es vor vielen Jahren hauptsächlich noch um die medizinischen Inhalte, wie z.B. Nabelpflege ging, sind heute viele andere Themen wichtig geworden: Es kommen Fragen zum Umgang mit dem Baby, zur Partnerschaft und Kindererziehung. Schwangere, die von einer Hebamme betreut werden und sich in Kursen vorbereiten, wirken in dieser Hinsicht insgesamt sicherer.“


Was hat Dich bewegt, das Buch „Das Geheimnis einer schönen Geburt“ zu schreiben und gibt es ein Geheimnis?


Jana F: „Die Idee zum Buch war, den Frauen aufzuzeigen, welche Möglichkeiten sie haben, um sich auf die Geburt vorzubereiten. Ich möchte mit diesem Buch das Bewusstsein schaffen, dass jede Frau ihre Geburt selbst steuern kann. Ich möchte damit ihre Eigenverantwortung und Kompetenz stärken. Jede Schwangere sollte für sich herausfinden, was sie braucht und will. Die Inhalte bieten dafür Orientierung und helfen Ängste zu zerstreuen. Dafür habe ich das Buch einfach gestaltet und beschreibe Prozesse leicht verständlich. Es ist also keine Fachlektüre, sondern ein unterhaltsames Buch, das schnell und gut zu lesen ist.

https://www.hebammenblog.de/ebook-das-geheimnis-einer-schoenen-geburt/


Die „schöne Geburt“ ist für jede Frau etwas Anderes. Die Idee davon, was für einen selbst schön ist, muss sich aber oft erst noch formen. Durch Filme und Erzählungen sind wir in unseren Vorstellungen geprägt. Dabei ist den wenigsten Frauen klar, wieviel Gestaltungsspielraum es tatsächlich gibt und wieviel von der eigenen Einstellung zur Geburt abhängt. Das ist das eigentliche Geheimnis: Bei einer Geburt hängt das meiste von der Bereitschaft, die Herausforderung anzunehmen und von der eigenen Herangehensweise ab.“

Immer wieder werden die hohen Kaiserschnittraten kritisch diskutiert. Wie kommt es zu diesen steigenden Zahlen?


Jana F: „Durch die Angst der Geburtshelfer und die hohe Interventionsrate unter der Geburt. Eine Geburt ist individuell. Jedes Medikament, jeder Positionswechsel, jede Störung der Intimsphäre hat einen Einfluss auf die Geburt und verändert den Prozess.“


Hast Du Empfehlungen für schwangere Frauen, die Ängste vor der Geburt haben? Gibt es Möglichkeiten der Unterstützung im Vorfeld?


Jana F: „Ein enger Kontakt zu und offene Gespräche mit einer Hebamme, sowie der Austausch mit anderen Schwangeren, können die Ängste reduzieren und Bedenken relativieren. Ein Geburtsvorbereitungskurs natürlich hilft sehr. Liegt jedoch eine Angst-Erkrankung vor, dann ist die Begleitung durch geeignete Fachleute notwendig.“


Für wen wäre eine Doula sinnvoll? (Doula: Eine weibliche, emotionale und psychische Begleitung während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbettzeit)


Jana F: „Die Begleitung durch eine Doula ist für Frauen hilfreich, die keinen Partner zur Geburt dabeihaben, oder einfach eine weitere Frau bzw. Freundin an der Seite haben wollen, der sie vertrauen. Für Klinikgeburten kann es sehr sinnvoll sein, da aufgrund des Personalschlüssels keine kontinuierliche Betreuung der Gebärenden gewährleistet ist.“

 


In den Nachrichten wurde von einer starken Auslastung der Berliner Geburtskliniken berichtet, so dass nicht jede Frau ihre Wunschklinik zur Geburt aufsuchen kann. Was würdest Du den werdenden Eltern empfehlen?


Jana F: „Die Geburtenzahlen steigen, so dass es immer wieder zu Situationen kommen wird, in denen Frauen unter Wehen durch die ganze Stadt fahren, um einen freien Kreißsaal zu finden. Ich empfehle den Eltern darauf aufmerksam zu machen, z.B. einen Brief an die Versicherung und an die Regionalpolitiker zu schreiben, um die schwierige Situation zu verdeutlichen. Es betrifft dann ja auch die Hebammensuche, die sich schwierig gestaltet. Der Deutsche Hebammenverband macht mit der Initiative „Landkarte der Unterversorgung“ auf die Missstände der Hebammenversorgung aufmerksam. “ Der Elternverein „Motherhood e.V.“ sammelt diese Fälle als Argumentationshilfe in Gesprächen mit Politikern. Meldet euch dort, wenn ihr vom Hebammenmangel betroffen seid oder wart.“


Es gibt die Möglichkeit, ambulant, im Geburtshaus, zu Hause oder in der Klinik zu entbinden, welche Informationen benötigen die werdenden Eltern, um die geeignete Wahl für sich zu treffen?


Jana F: „Ausschlaggebend sollte das Wohl- und Sicherheitsgefühl sein. Ist es mir wichtig, unter der Geburt Schmerzmittel zur Verfügung zu haben? Dann ist die Hausgeburt nicht das, was die Frau für sich wählt. Steht die Eins-zu-Eins-Betreuung im Vordergrund, dann wäre die Hausgeburt, das Geburtshaus, oder die Begleitung durch eine Beleghebamme die beste Wahl. Ich vergleiche die Vor- und Nachteile der Möglichkeiten ausführlich in meinem Buch. Manche Idee entwickelt sich erst im Verlauf der Schwangerschaft und durch die Beschäftigung mit dem Thema.

Wann sollte eine Schwangere Kontakt zu einer Hebamme für die Nachsorge im Wochenbett aufnehmen?


Jana F: „So früh wie möglich, am besten bei positivem Test! Die Betreuung durch eine Hebamme zum Schwangerschaftsbeginn hat Vorteile, denn Beschwerden, wie z.B. Übelkeit, können rechtzeitig besprochen und gut behandelt werden.“

Ist ein Geburtsvorbereitungskurs notwendig für einen guten Geburtsverlauf?


Jana F: „Er ist natürlich keine Bedingung für einen guten Verlauf, macht ihn aber in den meisten Fällen wahrscheinlicher. Gerade Frauen, die sich viele Sorgen machen und die schnell Ängste aufbauen, hilft er dabei, sich zu entspannen und positiv in die Geburt zu gehen.“


Sollten Schwangere Deiner Meinung nach im Vorfeld schriftlich festlegen, welche Wünsche sie in Bezug auf die Geburt und notwendige Maßnahmen haben?


Jana F: „Wünsche und Gedanken einmal aufzuschreiben, um sich damit auseinandersetzen und zu wissen, was man möchte, kann sehr hilfreich sein. Ein Geburtsplan zum Downloaden und Ausfüllen ist in meinem Buch mit dabei. Die Frauen sollten trotzdem offenbleiben und schauen, was sich unter der Geburt entwickelt.“


Der Markt für Baby-Equipment ist sehr groß und es gibt für jede mögliche Situation Produkte. Wenn werdende Eltern Dich fragen würden, was sie im Vorfeld anschaffen sollten, um auf ihr Leben mit dem Baby vorbereitet zu sein, was würdest Du empfehlen?


Jana F.: „Ein gutes Tragetuch oder alternative Tragehilfen, ein Bettchen, das für das nächtliche Stillen an das Elternbett gestellt werden kann, und warme Wollsocken für die Babyfüße. Ein vollständig eingerichtetes Kinderzimmer ist nicht notwendig, da Babys vor allem die Nähe und Liebe der Eltern brauchen.“


Danke Jana für das interessante und vor allem sehr informative Gespräch! Das zeigt erneut den hohen Stellenwert der Hebamme, mit Empathie, Wissen, Erfahrung und viel Liebe zum Beruf, ja zur Berufung Frauen zu begleiten, zu unterstützen und zu stärken.

 

 

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Kommentar von Bea |

Danke, ein wirklich für mich schoner Artikel.
Hatte schon auch so meine Sorgen vor der ersten Geburt und kann sagen: Versucht möglichst gelassen zu bleiben. Ist natürlich nicht ganz leicht ich weiß ;-)

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