Filmvorstellung: Die sichere Geburt - Wozu Hebammen?

Interview mit der Regisseurin des Films, Carola Hauck

©Daniel Sauerborn

Am 11.06.2017 war ich in Berlin zur Premiere des Films eingeladen. Mit großer Neugier und Ungeduld wartete ich auf den Beginn des Films. Da ich selbst bis 2013 in einer Klinik tätig war,trug ich selbst in mir auch Wünsche und Hoffnungen bezüglich des Films und wurde nicht enttäuscht, sondern gewann noch reichlich neue Erkenntnisse dazu. Ein sehr akribisch recherchierter Film, der auch Mütter/ Eltern zu Wort kommen lässt.

Liebe Frau Hauck, herzlichen Glückwunsch zur Premiere Ihres Films in Berlin! Wie kam es zur Idee, diesen Film zu produzieren?

C. Hauck: Ich hatte bereits im Praktikum für mein Medizinstudium das möglicherweise ausschlaggebende Erlebnis für diesen Film, das war 1988. Damals wurden alle Frauen einer Episiotomie unterzogen, einem Dammschnitt, was mich sehr nachdenklich machte. Ich empfand das als westliche Art der weiblichen Genitalverstümmelung und fragte mich, wie Frauen das wohl erleben.
Dieser Frage ging ich dann nach, als ich nach meinem Filmstudium noch Sexologie studierte. Bei dieser Einzellfallstudie merkte ich anhand der Interviews, die ich mit Frauen führte, die Probleme mit der Verarbeitung des Dammschnittes hatten, dass sie ihre Geburten alle mit einem fast identischen Satz beschrieben: „Ich war gar nicht da. Ich war nur die, die das Kind zur Welt brachte.“ Wenn man bedenkt, dass die Mutter neben dem Kind die Hauptrolle bei der Geburt spielt, eine erschütternde Aussage. Das führte zu meiner Masterarbeit „Kommunikation von Hebammen im Kreißsaal“.
Ich kam immer tiefer in das Thema und sah die Verflechtungen, die es bereits seit dem Mittelalter zwischen den Hebammen und der Schulmedizin gibt. 2012 kam dann die erste Erhöhung der Haftpflichtversicherung für Hebammen und Geburtshelfer. Was mich sehr ärgerte, war, dass damals die Journalisten nur einer Mainstream-Meinung folgten und ohne Fakten zu überprüfen und Forschung zu Rate zu ziehen, die außerklinische Geburt als hochriskant und die Klinikgeburt mit all ihren technischen Möglichkeiten als das einzig Wahre darstellten.
Das Wort Hausgeburt löste sofort einen Sturm von Entrüstung aus. An diesem Punkt traf ich den Entschluss, diesen Film zu machen. Einen Film der eben genau dieser Frage nachgeht: Was macht eine physiologische Geburt sicher? Also eine Geburt, die mit dem tausende von Jahren alten Programm abläuft, ohne von außen gestört zu werden.
Wenn man sich anschaut, welche gesundheitlichen Folgen die Störungen von Geburtsverläufen haben und auch der Kaiserschnitt, der ohne Wehentätigkeit gemacht wird, dann ist es eine Frage der Menschenrechte, darauf hinzuweisen und sich des Themas anzunehmen. Die werdenden Eltern, insbesondere die Frau, hat das Recht, umfassend informiert zu sein, bevor sie eine Entscheidung trifft. Sie braucht eine Grundlage zu der Entscheidung. Es geht darum selbstverantwortlich in die Geburt zu gehen. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, kein Frauenthema. Das muss betont werden.
Es geht unsere gesamte Gesellschaft an, wenn Frauen und Kindern Gewalt zugeführt wird. Natürlich ist es keine Gewalt, die absichtlich zugeführt wird. Aber diese Unterwerfung der Bedürfnisse der Frau an die institutionellen Abläufe in einer Klinik unter den Wehen, während der Geburt, und der Versuch der Anpassung der Geburt an eben diese führt zu Gewalterfahrungen bei den Frauen. Und auch bei den Kindern.
Ein Kind, das in der Rückenlage nicht gut versorgt wird, wo die Wehentätigkeit wegen der PDA weniger wird, das kommt nicht heraus. Ganz oft wird dann eben auch unsanft nachgeholfen. Das ist dann das erste Erlebnis des Kindes. Es hat es nicht selbst geschafft, was es aber hätte schaffen können. Wir kümmern uns darum, mit allem nachhaltiger umzugehen, aber wir verpassen unseren eigenen Kindern einen Start ins Leben, der mit einer Gewalterfahrung begleitet ist.

Warum sind wir mittlerweile so weit vom ursprünglichen, natürlichen Gebären entfernt?

C. Hauck: Ich denke, dass es daran liegt, dass wir in einer Zeit leben, wo wir glauben, alles kontrollieren und beeinflussen zu können. Ursprünglich war in die Klinik zu gehen etwas, was man aus Statusgründen machte. Nach dem Krieg wurde das Leben urbaner, die Frauen gingen mehr ins Krankenhaus, statt außerklinisch zu gebären und gleichzeitig verbesserte sich die Ernährung. Die positiven Effekte, die eine gute Ernährung mit sich bringt, nämlich
dass Mütter und Kinder um die Geburt herum weniger versterben, wurde der Sicherheit der Kliniken zugeschrieben.
Es ist also eine Vermischung aus Trend und Fehlinterpretation. Aber wir müssen auch bei den Frauen selbst schauen. Es scheint so, als würden die meisten keinen uneingeschränkten Zugang zu ihrem Gefühl, ihrer Intuition haben und als würden sie sich schnell verunsichern lassen. Laut einer Untersuchung wollen wohl 17% der Schwangeren außerklinisch gebären. Am Ende bleiben in Deutschland 1,8% übrig, die das dann auch machen. Viele lassen sich vom Umfeld verunsichern. eine große Rolle scheint der Partner und dessen Familie zu sein. Dazu kommt, dass Frauen in ihrer Sozialisation stark verunsichert werden, und sich nicht selbst vertrauen oder durchsetzen können. Dann kommt noch hinzu, dass auch viele niedergelassnen Gynäkologen ihre Angst auf die Frauen übertragen. Mittels der vielen Tests zu denen die Frauen überredet werden wird die Schwangerschaft und das Gefühl für den eigenen Körper und die Kommunikation mit dem Kind, die Intuitiv ist, nach außen verlagert. Die Frau fragt den Arzt, wie es ihr geht, statt selbst zu fühlen. Wenn es dann zur Geburt kommt, denken viele schon, dass sie dafür die Hilfe von Ärzten brauchen und die Angst, dass dem Kind etwas passiert treibt sie ins Krankenhaus.
Und noch ein Aspekt ist interessant. Bekommt eine Frau ihr Kind im Krankenhaus, dann kommt am Ende ein Arzt dazu. Meist liegt sie immer noch auf dem Rücken und so ist die Person auf die sie durch das Oxytocin beim Austritt des Kindes geprägt wird, ein Arzt oder eine Ärztin, eben die Person, die gerade vor ihr steht.
Sie ist unfreiwillig verliebt und wird sehr wahrscheinlich sogar in die gleiche Klinik kommen beim nächsten Kind, egal, wie die Geburt gelaufen ist.

Sie haben für den Film zahlreiche Interviews geführt und viele Fachleute gesprochen. Im Film zeigt sich, dass die interviewten Experten der aktuellen Geburtshilfe in Kliniken kritisch gegenüberstehen. Warum gibt es dann die beschriebenen Situationen und Vorgehensweisen?

C. Hauck: Hier bekommen wir die Antworten, wenn wir uns die Strukturen und unsere Werte ansehen und das, was wir über uns selbst glauben.

Es herrscht tatsächlich immer noch dieses „Deus ex Machina“ - Bild vom Menschen in unserer Gesellschaft. Gesundheit wird vom Arzt gebracht und ist nichts, was ein Mensch selbst in der Hand hätte. Der Mensch wird über Medikamente geregelt, Gefühle und Gedanken als Auslöser von Krankheit oder Erhaltung von Gesundheit sind noch zu wenig beachtet und ernst genommen. Dazu kommt, dass die Gynäkologie eine Männer-Domäne ist und Männer sehr technikaffin. Allgemein empfinden wir alles, was wir mittels Maschinen beeinflussen oder kontrollieren können, als Fortschritt. Auch, wenn heute die meisten Gynäkologen Frauen sind, so sind diese doch in diesem männlichen Feld ausgebildet.
Geburtshelfer sehen in ihrer Ausbildung keine Geburt ohne Intervention und sind auf die Pathologie fokussiert. Auch die Gynäkologinnen sind der Meinung, dass sie die Kinder zur Welt bringen und nicht die Frauen, das zeigt sich in der Wortwahl, die benutzt wird, wenn sie über Geburt sprechen. Sie sagen: ich habe die Frau / das Kind entbunden.
Die Struktur, in der Krankenhäuser sind auch stark daran beteiligt, warum dort heute so Kinder auf die Welt kommen, wie sie auf die Welt kommen. Krankenhäuser sind durch die Verschmelzung von klerusgeleiteten Hospizen und dem Militär in den 1870 ́ern entstanden. Sie haben bis heute die pyramidale Hierarchie des Klerus und die gleiche Struktur wie das Militär. Hinzu kommt der Effizienz-Gedanke. Ein Krankenhaus ist ein effizienzorientiertes Unternehmen. Nicht nur, weil es ein gewinnorientiertes Unternehmen ist. Krankenhäuser sind auf Notfälle ausgelegt und darin sind sie sehr gut. Geburt ist aber kein Notfall. Geburt braucht seine Zeit. Und die wird den Frauen nicht gegeben. Die Geburten, die statistisch erfasst werden, verlaufen unter Medikamenteneinfluss und werden dann zur neuen Norm erklärt. So wurde der Geburtsprozess bereits seit dem 19. Jahrhundert um 20 Stunden verkürzt. Welchen Sinn macht das?

Mit Ihrem Film informieren Sie zur derzeitigen Situation der Geburtshilfe in Deutschland. Was glauben Sie, werden diese Informationen sich auch politisch auswirken, wird der Film mit seinen Inhalten an die „Entscheider“ gelangen können?

C. Hauck: Der Film zeigt, wie die Geburtsverläufe durch die Interventionen gestört werden können. Bei so gut wie jeder Frau passiert, dass die Wehen aussetzen, sobald sie ins Krankenhaus fährt oder dort ankommt. Also ist bereits ein Ortswechsel in eine fremde Umgebung und das Treffen auf fremde nicht vertraute Menschen streng genommen eine Intervention. Wenn Entscheider das verstehen und sehen, dass unter diesen Umständen Geburten, die aus einer Gesunden Schwangerschaft heraus trotzdem in hoher Anzahl pathologisch verlaufen, dann kann sich etwas ändern.

Viele werdende Eltern sind schon in der Schwangerschaft bestens zu allen möglichen Interventionen unter der Geburt informiert und haben den Wunsch in einem Perinatalzentrum gebären zu wollen, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Hausgeburten oder auch Geburten in Geburtshäusern stellen nur für wenige Paare eine Option dar und aus zahlreichen Gesprächen mit Schwangeren weiß ich, dass die betreuenden Gynäkologen davor warnen.

Nachdem ich Ihren Film sah, kam in mir die Idee auf, dass alle werdenden Eltern frühzeitig diese Informationen benötigen, um eben wirklich informierte Entscheidungen treffen zu können. Wird es in naher Zukunft möglich sein, den Film „Sichere Geburt“ öffentlich zu zeigen und jedem zugänglich zu machen?

C. Hauck: Der Film wird im Herbst in ein paar Städten im Kino gezeigt werden. Dann wird man ihn auch als Stream und DVD sehen können. Es haben bereits einige Hebammen, die Geburtsvorbereitungskurse machen, den Film in Lizenz erworben, so dass der Film dann auch in der Praxis von Hebammen gezeigt werden wird.

Wie können die werdenden Mütter sich vor den im Film beschriebenen Interventionen schützen, die dann zu komplizierten Geburtsverläufen führen können?

C. Hauck: Zunächst würde ich jeder schwangeren Frau raten, sich den Film anzusehen und dafür zu sorgen, dass sie sich gute und bestärkende Informationen sucht, die ihr das Vertrauen in den eigenen Körper geben. Aktuell würde ich jeder Frau raten, die keine Hebamme hat, die sie vor der Geburt kennen lernen kann und zu der sie ein Vertrauensverhältnis aufbauen kann, sich eine Doula zu suchen. Leider haben bereits so viele Hebammen gekündigt, weil sie die Arbeitsbelastung nicht mehr aushalten, dass in vielen Kliniken die Gebärenden lange alleine gelassen werden. Da ist es wichtig, dass jemand Erfahrenes an der Seite der Frau ist, die wenigstens die Frau emotional unterstützen kann, denn der Partner ist ja selbst meist total überfordert und leidet mit seiner Frau mit. Alleingelassen bekommt die Frau Angst. Angst verkrampft und macht Schmerzen und schon ist sie in der Spirale drin. Das Alleine sein, nicht betreut sein unter der Geburt ist der Auslöser der meisten Folgeinterventionen. Eine gute Information über die Rechte und sich vorher genau überlegen, wie man in welcher möglichen Situation sich entscheiden will, ist sehr wichtig, um nicht überrumpelt zu werden, falls das Klinikteam zu Interventionen rät. Einfaches Beispiel ist der venöse Zugang. Der muss nicht per se gelegt werden. Er kann immer noch gelegt werden, wenn tatsächlich eine Infusion oder ein Wehenmittel angelegt werden muss. Wird der venöse Zugang standardmäßig gelegt, hindert er die Frau daran, sich frei zu bewegen, weil er weh tut und die Frau Angst hat, sich die Vene kaputt zu machen, wenn sie sich aufstützt. Die Frau muss sich aber bewegen, wie sie will, oder ihr Körper es ihr zeigt, damit das Kind durch das Becken kommt. Wichtig wäre, sich die Kliniken anzuschauen und nach den Interventionen im Qualitätsbericht zu sehen. Mit dem Klinikpersonal sprechen und sich sicher fühlen, dass man ernst genommen wird mit seinen Bedürfnissen. Die Frauen, die werdenden Eltern können sehr viel bewegen, wenn sie entsprechende Forderungen stellen.

Haben Frauen überhaupt die Möglichkeit, optimal informiert zu werden, wenn die Zahl der Hebammen sinkt?

C. Hauck: Ja,es gibt tolle Bücher über selbstbestimmte Geburt. Dort wird die physiologische Geburt nah gebracht und das Vertrauen der Frauen in ihren Körper. Es gibt auch Hypnobirthing-Kurse. Dort kann die Frau Techniken lernen zum entspannen. Auch diese Kurse sind sehr informativ und sehr hilfreich. Und natürlich den Film schauen. Dort ist die Basisinformation drin, die ein Grundverständnis über die Abläufe gibt und warum was gut ist und was stört.

Ich bedanke mich für die Möglichkeit, dass ich Ihren sehr berührenden, sehr interessanten, aufklärenden und vor allem auch mutigen Film sehen durfte! Weiterhin wünsche ich Ihnen und Ihrem Team, dass der Film „Sichere Geburt“ sich verbreitet, die Öffentlichkeit über ihn diskutiert und dass die Geburtshilfe sich in naher Zukunft an den Frauen orientiert und sie stärkt! Herzlichen Dank für Ihre Antworten!

Allen Schwangeren und werdenden Eltern kann ich nur empfehlen, diesen Film anzusehen und auch mit ihren Hebammen und Gynäkologen über ihn zu sprechen. Informationen findet Ihr unter: www.die-sichere-geburt.de

Eure Nancy

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