Interview „Frühgeburt und Stillen?“

Mit Still-und Laktationsberaterin (IBCLC) Nancy Wunger

Kann auch ein Frühchen gestillt werden?
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Interview „Frühgeburt und Stillen?“: mit der Still-und Laktationsberaterin (IBCLC) Nancy Wunger.

Ardo: Ist es grundsätzlich möglich, ein zu früh geborenes Kind zu stillen?

Nancy Wunger: Frühgeborene können gestillt werden und vor allem sollten sie sehr früh die erste Muttermilch, das sogenannte Kolostrum erhalten. Sie erkranken dann seltener an Infektionen während des Aufenthaltes auf der Neonatologie und der Aufenthalt auf der Intensivstation kann somit deutlich verkürzt werden.

Ardo: Gibt es Einschränkungen?

Nancy Wunger: Einschränkungen gibt es natürlich, denn wenn ein Kind zu früh zur Welt kommt, ist es noch nicht in allen Vitalfunktionen reif genug, um an der Brust stillen zu können.

Ardo: Wenn das Kind zu früh gekommen ist, was muss ich tun, um stillen zu können?

Nancy Wunger: Im Vordergrund eines optimalen Stillbeginns steht das Känguruhen, das heißt, Mutter und Frühgeborenes sollten möglichst viel Zeit im Hautkontakt miteinander verbringen. Das wirkt sich positiv auf die Vitalfunktionen des Frühgeborenen aus, reduziert das Schmerzempfinden und begünstigt die Milchbildung der Mutter.

Stilleinlagen Einweg

Ardo: Wie stillt man ein Frühchen?

Nancy Wunger: Wenn das frühgeborene Baby noch beatmet wird und eine Magensonde hat, können die ersten Tropfen Muttermilch im Hautkontakt über die Magensonde verabreicht werden. Sobald der Säugling eine Atemhilfe hat und schon die ersten Saugbewegungen signalisiert, kann er an die Brust angelegt werden und dann per Sonde die notwendige Milch erhalten. Auch der Mund kann mit Muttermilch benetzt werden, mit einem Wattestäbchen, um eine optimale Mundpflege und auch angenehme Stimulation zu erreichen. Die Mutter sollte möglichst in den ersten vier Stunden nach der Geburt von Hand Milch aus der Brust entleeren und dann in den nächsten zwei bis vier Stunden mit dem regelmäßigen Entleeren der Brust beginnen. Das kann dann mit einer elektrischen Milchpumpe erfolgen, möglichst mit einem Doppelpumpset und einer Intervallmilchpumpe. Besonders sinnvoll für Mütter frühgeborener Kinder ist eine individuelle Einstellung des Stimulationsmodus an der Milchpumpe, um eine optimale Entleerung der Brust und eine reichliche Milchbildung zu erreichen. Die Entleerung der Brust sollte bei mindestens 8-10 Mal in 24 h erfolgen. Bei Säuglingen mit einem Geburtsgewicht unter 2500 g lautet die Empfehlung, solange zum Stillen begleitend abzupumpen, bis der Säugling 2500 g Körpergewicht erreicht hat, damit die Milchbildung für die gesamte Stillzeit gut programmiert ist. Die ersten Stillversuche sind immer abhängig vom Gewicht des Säuglings sowie auch der Gesamtsituation. Meist muss zum Stillen zusätzlich abgepumpte Muttermilch/ Spendermilch/ Formula verabreicht werden, da die Aufnahme nicht ausreicht. Auch die Stillpositionen sind abhängig von der Gesamtsituation. Grundsätzlich ist auch bei Frühgeborenen ein Stillen nach Bedarf anzustreben, was allerdings erst bei etablierter Milchbildung und Gewichtszunahme möglich ist.

Ardo:Wo bekommen Mütter Information und Unterstützung zum Thema?

Nancy Wunger: Unterstützung erhalten Eltern von der Initiative Frühgeborenes Kind, La Leche Liga, BDL sowie von uns über die Ardo Frühchenbroschüre „Die Liebe zählt“, Hebammen, Stillberaterinnen sowie die Nachsorgen der Kliniken stehen für Beratung und Begleitung zur Verfügung.

Ardo: Was raten Sie Eltern von Frühgeborenen bezüglich des Stillens?

Expertentipp von Nancy Wunger

Allen Eltern von Frühgeborenen möchte ich folgende Tipps mit auf den Weg geben:

Verbringen Sie viel Zeit mit Ihrem Baby, möglichst im Känguruhen, lassen Sie sich von den betreuenden Fachkräften auf der Neonatologie zeigen, wie Sie Ihr Baby berühren und versorgen können. Optimal wäre ein 24-h-Rooming-in, welches aus Platzgründen leider nicht in jeder Klinik angeboten werden kann. Haben Sie keine Angst vor den technischen Maßnahmen auf einer Neonatologischen Intensivstation, Ihnen werden alle notwendigen Details erläutert. Das Abpumpen von Muttermilch sollte möglichst in der Nähe Ihres Babys erfolgen, da dann die Muttermilch Antikörper gegen die Keime vor Ort passgenau bildet. Frühgeborene profitieren sehr stark von frisch abgepumpter Muttermilch. Vernetzen Sie sich mit anderen Eltern frühgeborener Kinder, um einen guten Austausch zu haben und sich gegenseitig zu unterstützen. Sollten die ersten Stillversuche nicht optimal verlaufen, geben Sie nicht auf, denn Sie und Ihr Baby haben Zeit. Mit jedem Tropfen Muttermilch, jeder zärtlichen Berührung und häufigem Hautkontakt sind Sie auf dem besten Weg, die gesunde Entwicklung Ihres Babys zu unterstützen und sich gegenseitig kennenzulernen. Sie werden schnell bemerken, wie Ihre Ängste kleiner werden und Ihr Selbstvertrauen wächst.

Anmerkung zur Expertin:

Frau Wunger war 6 Jahre lang als Still-und Laktationsberaterin und Krankenschwester im St. Joseph Krankenhaus in Berlin tätig, 4 Jahre davon als Stillbeauftragte. In dieser Zeit konnte sie einen reichen Erfahrungsschatz anhäufen. Heute setzt sie ihr Fachwissen als Ardo-Mitarbeiterin im Bereich Stillhilfen/Multi-Mam und Multi-Gyn ein.


Tipp: Ein Interview zur Frühgeburtenprophylaxe mit PD Dr. Holger Maul finden Sie hier.

Tipp: Hier finden Sie die Frühchenbroschüre "Die Liebe zählt" als kostenlosen Download

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Kommentar von Pascal |

Auf jeden Fall ein spannender Beitrag zum Thema. Danke dafür!

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