Die Brustschimpfphase

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Die “Brustschimpfphase” scheint die Erklärung dafür zu liefern, was mir aktuell gerade zwei junge Mütter von ihren beiden Babies schilderten.

Beide Mütter erzählten von Szenen, in denen ihre Babies das Trinken an der Brust schon nach wenigen Schlücken verweigert, laut zu schreien oder schimpfen anfangen, mit dem Kopf gar gegen die Brust stossen oder ihre Nippel mit dem Mund langziehen und sich mit dem Körper von der Brust abrupt abwenden. Kurz darauf weinen sie lange und lassen sich erst nach einer gewissen Weinzeit wieder beruhigen.


Beide Mütter erhielten schon viele Ratschläge, wie z. B. die Folgenden:

  • Milch zuerst ein wenig laufen lassen, damit die Milch nicht zu schnell in den Mund des Babys spritzt.
  • Beobachten, ob das Baby tatsächlich Hunger hat oder einfach nur “Nukkeln” will. Lässt sich mit einem Schnuller rasch herausfinden.
  • Das Baby weinen lassen, herumtragen, mit ihm herumlaufen und an einen ruhigen, eher dunklen ungestörten Ort zurückziehen und es dort noch mal mit Ansetzen probieren: Die Ablenkungsgefahr sei dann viel geringer und das Baby werde weniger mit äusseren Reizen und Informationen überflutet.

Manchmal ist es aber, so denke ich zumindest, hilfreicher, wenn man eine plausible und logischen Grund hat, der nicht auf Tipps und Ratschlägen, sondern auf einer einleuchtenden Erklärung basiert. Dieses Verhalten tritt bei den meisten Babies im Alter von 3-4 Monaten auf.

Laut der österreichisch-britischen Psychoanalytikerin Melanie Klein (* 30. März 1882 in Wien; † 22. September 1960 in London) durchlebt das Baby bereits in diesem zarten Alter seine erste pubertäre Phase. In diese Phase fällt dann auch die “Brustschimpfphase”.

Das Baby nimmt die Brust dann entweder als “gut” oder als “böse” war, je nachdem schimpft es mit der Brust und kämpft so quasi gegen die Brust an. Der Brustschimpfphase ist in der Fachpublikation der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung “Stillen und Muttermilchernährung”, Ausgabe 2011, S.67 ein besonderes Kapitel gewidmet:

“Die meisten Frauen berichteten von Blähungen in dieser Zeit, in der das Kind gerade beim Stillen untröstlich zu weinen anfängt – die “Brust-Schimpf-Phase”, wie es die Psychoanalytikerin Melanie Klein nennt.

Frauen, die sich damit befasst hatten, empfanden deren Erklärungsmodell besonders entlastend: Das Kind trinkt, setzt ab, weint wütend, will nicht trinken. Statt in Schweißausbrüche, Ratlosigkeit und Wut zu verfallen, regt das Klein’sche Modell zum Verständnis dessen an, dass das Kind nach drei Monaten zu “begreifen” beginnt, dass es nicht mehr eins mit der Mutter ist, sondern die Brust etwas ist, was nicht zu ihm, sondern zur Mutter gehört. Sie kann den Milchquell geben oder entziehen.

Diese traurige Entdeckung setzt das Baby durch das “Anschimpfen” der Brust – wie eine erste Pubertät – selbst in Szene, und auf diese Weise übt es die erste Eigenständigkeit ein. Frauen, die diese Situation – das Kind ist hungrig, trinkt, setzt ab, schreit wütend los, lehnt die erneut angebotene Brust ab – nach diesem Denkansatz verstehen, schaffen es leichter weiter zu stillen. Denn sie verarbeiten das abweisende Gebrüll und Verhalten nicht als Kritik an Milch, Menge, Nippel, Brust, Halteposition oder Stillsituation, sondern als einen ersten Schritt auf dem Weg, das eigene Selbst zu entdecken.

Wenn die Mutter in dieser 3-Monats-Phase jedoch zusätzlich einem besonderen Druck vom Partner ausgesetzt ist, bildet diese Zeit oft den Grund, das Stillen aufzugeben nach dem Motto: “Die Milch hat nicht mehr gereicht. Das Kind hat ja nur noch geweint.“

Mir scheint diese Theorie hilfreich und durchaus bemerkenswert. Verschwende doch bei der nächsten “Brustschimpfattacke” mal den einen oder anderen Gedanken daran und hab Verstädnis für dein Baby, wenn es an deiner Brust tobt. Weitere praktische Tipps findest du zu dem in folgender Broschüre “Hello Baby - Tipps für die Stillzeit”. 

Herzlichst,
Eure Nadja

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